Von der Philosophin Miranda Fricker:
Testimoniale Ungerechtigkeit
Als testimoniale Ungerechtigkeit, also Ungerechtigkeit, die das Zeugnis-Ablegen betrifft, beschreibt Fricker Situationen, in denen
Vorurteile einen Zuhörenden dazu bringen, einem Sprechenden ein geringeres Maß an Glaubwürdigkeit zuzuschreiben. Testimoniale Ungerechtigkeit kann sich auf individueller Ebene finden, wenn etwa persönliche Erfahrungen zur Bewertung der Glaubwürdigkeit anderer herangezogen werden, als problematischer gelten aber systemische Ungerechtigkeiten, wenn es also gesellschaftliche Vorurteile über bestimmte Gruppen gibt. So wird beispielsweise Menschen mit
Behinderung aufgrund ihrer Behinderung häufig weniger Glauben geschenkt. Die Vorurteile können dazu führen, dass bestimmten Sprechenden überhaupt nicht zugehört wird. Sie gelten damit nicht einmal als unglaubwürdig, sondern als nicht-zuhörenswürdig. Auch auf Seiten der Sprechenden kann testimoniale Ungerechtigkeit dazu führen, dass sie darauf verzichten, bestimmte Themen anzusprechen, weil sie davon ausgehen, dass sonst aufgrund von Vorurteilen ihre Glaubwürdigkeit in Frage gezogen würde.
Hermeneutische Ungerechtigkeit
Hermeneutische Ungerechtigkeit liegt laut Fricker dann vor, wenn durch eine „Lücke in unseren kollektiven hermeneutischen Ressourcen“ Menschen nicht fähig sind, ihre Erfahrungen zu begreifen und zu vermitteln. Diese Form der Ungerechtigkeit gehe der testimonialen Ungerechtigkeit voraus. Als Beispiel führt sie an, dass ein Opfer
sexueller Belästigung in einer Kultur, in der der Begriff „sexuelle Belästigung“ nicht existiert, nicht in der Lage ist, Verständnis für seine Erfahrungen zu erzielen. Hermeneutische Ungerechtigkeiten erschweren es Betroffenen einerseits, sich untereinander zu verständigen und ihre gesellschaftliche Benachteiligung so zu erkennen, und macht es andererseits schwerer, ihre Anliegen gegenüber anderen Gruppen zu artikulieren. In Fällen „willentlicher epistemischer Ignoranz“ kann es aber auch vorkommen, dass marginalisierte Gruppen durchaus über entsprechende hermeneutische Ressourcen verfügen, Ungerechtigkeit zu benennen, diese aber von dominanten Gruppen ignoriert werden.