DopaminâPartialagonisten der dritten Generation
Aripiprazol, Brexpiprazol und Cariprazin â pharmakologische Profile, intrinsische AktivitĂ€t und klinische Implikationen
1. Einordnung: Was unterscheidet diese Substanzen grundsÀtzlich?
Aripiprazol, Brexpiprazol und Cariprazin gehören zu den sogenannten DopaminâDâ/DââPartialagonisten. Sie unterscheiden sich von klassischen Antipsychotika dadurch, dass sie den DopaminâDââRezeptor nicht vollstĂ€ndig blockieren, sondern eine partielle Aktivierung aufrechterhalten. Dieses Prinzip fĂŒhrt zu einer funktionellen Dopaminstabilisierung und erklĂ€rt das insgesamt gĂŒnstigere Profil hinsichtlich Prolaktin, EPS und metabolischer Effekte Springer.Entscheidend ist jedoch:
Partialagonismus ist kein einheitliches Konzept.
Die drei Substanzen unterscheiden sich deutlich in AffinitĂ€t (pKi) und intrinsischer AktivitĂ€t (Efficacy) â und genau daraus ergeben sich ihre klinischen Unterschiede.
2. RezeptoraffinitĂ€t (pKi) â BindungsstĂ€rke an Dopaminrezeptoren
Die pKiâWerte beschreiben, wie stark ein Wirkstoff an einen Rezeptor bindet. Ein höherer pKiâWert bedeutet eine höhere AffinitĂ€t.Tabelle 1: Dopaminerge AffinitĂ€ten (human, inâvitro)
| Substanz | Dâ pKi | Dâ pKi | Dâ pKi |
|---|---|---|---|
| Aripiprazol | ~9.3 | ~8.55 | ~7.2 |
| Brexpiprazol | ~9.5 | ~8.0 | ~7.45 |
| Cariprazin | ~9.3 | ~9.6 | ~7.0 |
Interpretation:
- Alle drei Substanzen binden sehr stark an Dâ
- Cariprazin ist klar DââprĂ€ferenziell
- Brexpiprazol weist die höchste DââAffinitĂ€t auf
- DââBindung liegt bei allen im pharmakologisch relevanten Bereich
3. Intrinsische AktivitĂ€t â der entscheidende funktionelle Unterschied
Die intrinsische AktivitĂ€t beschreibt, wie stark ein Wirkstoff den Rezeptor nach Bindung aktiviert, gemessen als Emax (% der Dopaminwirkung).Tabelle 2: Intrinsische AktivitĂ€t am DââRezeptor
| Substanz | Intrinsische AktivitÀt (Emax) | Funktionelle Einordnung |
|---|---|---|
| Aripiprazol | ~25â30âŻ% | hoch |
| Cariprazin | ~15â20âŻ% | mittel |
| Brexpiprazol | ~10âŻ% | niedrig |
Zentraler Punkt:
AffinitĂ€t bestimmt, wo ein Wirkstoff wirkt â intrinsische AktivitĂ€t bestimmt, wie er wirkt.
4. Klinische Konsequenzen der unterschiedlichen Profile
Aripiprazol
- hohe DââAffinitĂ€t und hohe intrinsische AktivitĂ€t
- wirkt funktionell agonistischer
- klinisch:
- aktivierend
- höheres AkathisieâRisiko
- stark prolaktinsenkend
- geeignet bei:
- HyperprolaktinÀmie
- dopaminerger Unterfunktion
Brexpiprazol
- vergleichbare AffinitÀt, aber deutlich geringere intrinsische AktivitÀt
- funktionell nÀher am Antagonisten
- klinisch:
- geringere Akathisie
- stabilisierender, âruhigerâ
- geeignet bei:
- empfindlichen Patienten
- Angst, Agitation, Schlafstörung
Cariprazin
- moderate DââAktivitĂ€t
- sehr hohe DââAffinitĂ€t
- klinisch:
- Wirkung auf Motivation, Negativsymptome
- lÀngere Halbwertszeit
- geeignet bei:
- Negativsymptomatik
- affektiver InstabilitÀt
5. pKi vs. intrinsische AktivitĂ€t â warum beides entscheidend ist
| Parameter | Klinische Bedeutung |
|---|---|
| pKi | Rezeptorbesetzung, Wirksamkeit bei niedriger Dosis |
| Intrinsische AktivitÀt | Richtung der Wirkung (agonistisch vs. antagonistisch) |
| Kombination | bestimmt Aktivierung, EPSâRisiko, Akathisie |
- hoher AffinitÀt + hoher intrinsischer AktivitÀt
â funktionell dopaminerg (Aripiprazol) - hoher AffinitĂ€t + niedriger intrinsischer AktivitĂ€t
â funktionell stabilisierend (Brexpiprazol)
6. Intrinsische AktivitĂ€t bei DopaminâSupersensitivitĂ€t und tardiver Dyskinesie (TD)
Theoretischer Hintergrund
DopaminâSupersensitivitĂ€t und TD sind mit:- UpâRegulation von DââRezeptoren
- postâsynaptischer Ăberempfindlichkeit assoziiert.
Potenzieller Nutzen von Partialagonisten
Partialagonisten können:- exzessive Dopaminantworten abpuffern
- gleichzeitig eine basale Aktivierung aufrechterhalten
- theoretisch:
- SupersensitivitÀt reduzieren
- ReboundâPhĂ€nomene vermeiden
Kritische Einordnung
- Hohe intrinsische AktivitĂ€t(z.âŻB. Aripiprazol):
- kann bei bestehender SupersensitivitÀt symptomverstÀrkend wirken
- Niedrige intrinsische AktivitÀt(Brexpiprazol):
- theoretisch gĂŒnstiger bei schwerer TD
- weniger dopaminerge Stimulation
Die klinische Evidenz zur TDâBehandlung ist noch begrenzt, aber das pharmakologische Modell spricht eher fĂŒr niedrigâeffiziente Partialagonisten bei ausgeprĂ€gter SupersensitivitĂ€t Springer.
7. Zusammenfassung in einem Satz
Aripiprazol, Brexpiprazol und Cariprazin unterscheiden sich nicht primĂ€r durch ihre DââAffinitĂ€t, sondern durch ihre intrinsische AktivitĂ€t und Dâ/DââGewichtung â mit relevanten Konsequenzen fĂŒr Aktivierung, VertrĂ€glichkeit und den Umgang mit dopaminerger SupersensitivitĂ€t.
Start-Matrix fĂŒr Vergleichbarkeit
In vivo D2/3âBelegung im Menschen
| Substanz | PETâTracer/Population | D2/3âOccupancy Kernaussage |
|---|---|---|
| Aripiprazol | ([^{11}C])raclopride, gesunde Probanden, 14 Tage | DosisabhĂ€ngig ca. 40â95% bei 0.5â30 mg/Tag; >90% ohne EPS in dieser Stichprobe |
| Aripiprazol | ([^{18}F])fallypride, Patient:innen; plus TDMâKohorte | Bei klinischen Dosen im Mittel ~90% D2/3âBelegung ĂŒber Regionen; EC50 (Serum) ca. 5â10 ng/ml; nahe SĂ€ttigung >100â150 ng/ml; sehr langsame Dissoziation (nahe SĂ€ttigung bis ~1 Woche nach letzter Dosis möglich) |
| Cariprazin | ([^{11}C])(+)-PHNO, Patient:innen | Nach 2 Wochen: bei 1 mg/Tag D3 ~76% und D2 ~45% (D3âPrĂ€ferenz bei niedriger Dosis); bei 12 mg/Tag ~100% fĂŒr beide; EC50 (Plasma) D3 3.84 nM vs D2 13.03 nM |
| Brexpiprazol | ([^{11}C])(+)-PHNO, Patient:innen | D2âBelegung ~64% bei 1 mg/Tag und ~80% bei 4 mg/Tag; D3âVerfĂŒgbarkeit nahm nach 1 mg zu und Ă€nderte sich bei 4 mg nicht (mit den verwendeten Tracern keine âklassischeâ D3âBelegung sichtbar) |
| Brexpiprazol | ([^{11}C])raclopride, gesunde Probanden | Striatale D2/3âBelegung steigt dosisabhĂ€ngig und plateauiert grob bei ~77â88% (5â6 mg, 4 h post-dose), Ă€hnlich nach 23.5 h; Omax-SchĂ€tzung ~89% Putamen/~95% Caudatum |
Warum das fĂŒr SupersensitivitĂ€t wichtig ist: Es trennt âwas bindet wirklich im Menschen?â von âwas behauptet eine InâvitroâRangliste?â. Bei Aripiprazol ist zudem sauber belegt, dass klinische Spiegel praktisch SĂ€ttigungsnĂ€he erreichen können. download.uni-mainz.de
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