Kynurenin‑/Tryptophan‑Achse bei Schizophrenie
(Neuroinflammation – Brückenmechanismus)
Kurzdefinition
Die
Kynurenin‑Achse beschreibt den Abbau der Aminosäure
Tryptophan über den sogenannten
Kynurenin‑Stoffwechselweg. Dieser Weg wird durch
Entzündungs‑ und Stresssignale aktiviert und führt zur Bildung mehrerer neuroaktiver Metaboliten, die direkt auf
NMDA‑Glutamatrezeptoren, neuronale Plastizität und Mikroglia‑Aktivität wirken. In der Schizophrenie gilt die Kynurenin‑Achse als
zentrale Schnittstelle zwischen Neuroinflammation und glutamaterger Dysregulation ScienceDirect jlupub.ub.uni-giessen.de Nature.
Warum die Kynurenin‑Achse für Schizophrenie relevant ist
Mehrere unabhängige Befunde sprechen für ihre Bedeutung:
- Entzündungsabhängige Aktivierung: Proinflammatorische Zytokine (z. B. IL‑6, TNF‑α) aktivieren das Enzym IDO (Indolamin‑2,3‑Dioxygenase), das Tryptophan in Kynurenin umwandelt jlupub.ub.uni-giessen.de Nature.
- Glutamat‑Bezug: Kynurenin‑Metaboliten modulieren NMDA‑Rezeptoren direkt.
- ZNS‑Spezifität: Zentrale Veränderungen unterscheiden sich deutlich von peripheren Blutwerten Nature.
- Therapieresistenz: Besonders bei therapieresistenter Schizophrenie (TRS) finden sich Hinweise auf eine stärkere Aktivierung der Kynurenin‑Achse ScienceDirect.
Der Kynurenin‑Stoffwechsel – vereinfacht erklärt
- Tryptophan
↓ (IDO, durch Entzündung aktiviert)
- Kynurenin (KYN)
↓
- Aufspaltung in zwei Hauptpfade:
- Kynureninsäure (KYNA) – eher NMDA‑hemmend
- Quinolinsäure (QUIN) – NMDA‑aktivierend / potenziell neurotoxisch
Wichtig:
Nicht „hoch oder niedrig“ ist entscheidend, sondern das
Verhältnis dieser Metaboliten.
Die zwei Gesichter der Kynurenin‑Achse
1. Kynureninsäure (KYNA)
- Wirkt als negativer allosterischer Modulator am NMDA‑Rezeptor.
- Kann glutamaterge Übererregung dämpfen.
- Wird teils als neuroprotektiv interpretiert.
- Zu hohe Spiegel könnten jedoch kognitive Verlangsamung begünstigen.
2. Quinolinsäure (QUIN)
- Wirkt als NMDA‑Rezeptor‑Agonist.
- Fördert exzitatorische Neurotransmission.
- Wird mit neurotoxischen Effekten und Mikroglia‑Aktivierung in Verbindung gebracht.
- Besonders relevant bei entzündungsgetriebenen Zuständen.
Zentrale Befunde aus der Forschung
Eine große Meta‑Analyse zeigt:
- Im ZNS von Menschen mit Schizophrenie:
- erhöhte KYN/TRP‑Ratio (Hinweis auf erhöhte IDO‑Aktivität)
- erhöhte KYNA‑Spiegel
- reduzierte Aktivität des Enzyms KMO, das QUIN‑Bildung reguliert Nature.
- Periphere Blutwerte spiegeln diese Veränderungen nur eingeschränkt wider Nature.
Eine aktuelle Studie zu therapieresistenter Schizophrenie zeigt:
- stärkere Aktivierung der Kynurenin‑Achse bei TRS,
- veränderte Zusammenhänge zwischen KYNA/QUIN und Symptomen,
- mögliche modulierende Effekte von Clozapin auf NMDA‑bezogene Wirkungen ScienceDirect.
Mikroglia als Schaltstelle der Kynurenin‑Achse
- Mikroglia exprimieren Enzyme des Kynurenin‑Stoffwechsels.
- Entzündungsaktivierte Mikroglia verschieben den Stoffwechsel:
- weg von „balancierter Regulation“
- hin zu NMDA‑wirksamen Metaboliten
- Dadurch entsteht eine Rückkopplungsschleife:
- Entzündung → Kynurenin‑Aktivierung → Glutamat‑Dysregulation → neuronaler Stress → weitere Mikroglia‑Aktivierung.
Verbindung zu Symptomen (Arbeitsmodell)
| Ebene | Mögliche Effekte |
|---|
| Rezeptor | NMDA‑Hypo‑ oder Hyperfunktion |
| Netzwerk | gestörte kortikale Integration |
| Funktion | kognitive Defizite, Negativsymptome |
| Dynamik | Stress‑ und Reizüberempfindlichkeit |
Die Kynurenin‑Achse erklärt besonders gut:
- kognitive Symptome
- Negativsymptome
- Stress‑abhängige Verschlechterungen
Klinische Bedeutung
- Subtyp‑Modell: Nicht jede Schizophrenie ist Kynurenin‑getrieben.
Therapieansätze: Entzündungsmodulation, Glutamat‑Modulation, Stressreduktion.
- Absetzen: Veränderungen der Entzündungs‑ und Stresslage könnten die Achse reaktivieren (Hypothese).
Häufige Missverständnisse
- „Mehr KYNA ist immer gut“ → falsch; Balance ist entscheidend.
- „Blutwerte zeigen Gehirnprozesse“ → nur eingeschränkt.
- „Ein Stoffwechselweg erklärt alles“ → nein, aber er verbindet mehrere Ebenen.
Offene Fragen
- Welche klinischen Muster passen zu KYNA‑dominanter vs. QUIN‑dominanter Aktivität?
- Wie stark beeinflussen Antipsychotika die Kynurenin‑Achse langfristig?
- Gibt es praktikable Marker für individuelle Subtypen?
Platzhalter für Erfahrungsintegration
- Trigger: Stress, Infekt, Schlafentzug
- Symptome: kognitive Verlangsamung, emotionale Abflachung, Übererregung
- Zeitverlauf: akut vs. verzögert
- Wirkstoffe: subjektive Effekte auf Klarheit, Antrieb, Reizverarbeitung
Quellen
nächster Schritt: