D4 vs. M4 bei Therapieresistenz
Hypothesen, Daten, Grenzen & moderne Einordnung
Kurzüberblick
Die Frage, ob
D4 oder
M4 der entscheidende Rezeptor bei
therapieresistenter Schizophrenie (TRS) ist, gehört zu den ältesten und gleichzeitig modernsten Kontroversen der Antipsychotika‑Forschung.
Beide Rezeptoren beeinflussen dopaminerge und glutamaterge Netzwerke – aber
auf völlig unterschiedliche Weise.
Dieser Artikel ordnet die Lage nüchtern ein und trennt klar zwischen:
- historischen Hypothesen
- modernen Modellen
- gesicherten Fakten
- methodischen Schwächen
- offenen Fragen
- möglichen Industrie‑Bias‑Effekten
Denn:
TRS ist nicht gleich antipsychotische Wirksamkeit, und viele scheinbar klare Aussagen beruhen auf
unvollständigen oder verzerrten Daten.
Historische Perspektive: Die D4‑Hypothese
Warum D4 ursprünglich im Fokus stand
- Clozapin zeigte eine ungewöhnlich hohe Affinität zu D4‑Rezeptoren.
- Man suchte einen Mechanismus, der Clozapin von klassischen D2‑Blockern unterscheidet.
- D4 war damals ein „neuer“ Rezeptor und wirkte vielversprechend.
Was man hoffte
- antipsychotische Wirkung ohne EPS
- ohne Prolaktinerhöhung
- möglicherweise wirksam bei TRS
Was die klinischen Daten zeigten
Selektive D4‑Antagonisten (z. B. L‑745,870):
- nicht antipsychotisch wirksam
- teilweise unter Placebo‑Niveau
- kein Effekt auf Positivsymptome
D4‑Blockade allein ist kein tragfähiges antipsychotisches Prinzip.
Bedeutet das, dass D4 irrelevant ist?
Nein.
Es bedeutet nur:
- D4 ist kein alleiniger Wirkhebel,
- könnte aber ein Marker bestimmter Netzwerkzustände sein,
- und wurde nie in Kombination mit D2‑Blockade getestet.
Moderne Perspektive: Die M4‑Hypothese
Warum M4 heute im Fokus steht
- M4 ist ein inhibitorischer muskarinischer Rezeptor im Striatum.
- Aktivierung von M4 dämpft Dopaminfreisetzung upstream, ohne D2 zu blockieren.
- M4‑Agonisten (z. B. Xanomeline) zeigen antipsychotische Effekte ohne D2‑Blockade.
Was M4 leisten kann
- dopaminerge Überaktivität reduzieren
- striatale Netzwerke stabilisieren
- EPS vermeiden
- Glutamat‑Dopamin‑Balance verbessern
Grenzen der M4‑Hypothese
- M4 erklärt nicht alle Clozapin‑Effekte
- M4‑Agonismus ist nicht bewiesen als TRS‑Lösung
- TRS ist heterogen
- M4 ist ein Baustein, nicht „der Schlüssel“
D4 vs. M4 – funktionelle Gegenüberstellung
| Aspekt | D4 | M4 |
|---|
| Rezeptortyp | dopaminerg | muskarinisch |
| Hauptlokalisation | Kortex, limbisch | Striatum, limbisch |
| Rolle | Modulator glutamaterger Interneurone | Regulator dopaminerger Freisetzung |
| Klinische Evidenz | D4‑Blockade unwirksam | M1/M4‑Agonisten wirksam |
| Bedeutung für TRS | unklar, evtl. Marker | plausibler Wirkhebel |
| Bezug zu Clozapin | hohe Affinität → historische Hypothese | Norclozapin wirkt agonistisch |
Merksatz:
D4 spiegelt Netzwerkzustände wider – M4 kann sie aktiv regulieren.
3.5 Warum D4 nicht abgeschrieben werden darf
(methodisch entscheidend)
Fehlende Studien – der zentrale blinde Fleck
Bis heute existiert
keine einzige hochwertige Studie, die prüft:
- D2‑Blockade + selektive D4‑Modulation
- D4‑Modulation bei TRS‑Populationen
- D4‑Modulation in glutamatergen Subtypen
- D4‑Modulation als Verstärker von Clozapin‑ähnlichen Effekten
Die negativen D4‑Studien beziehen sich
ausschließlich auf Monotherapie.

Daraus kann man nur schließen:
„D4‑Blockade allein ist nicht antipsychotisch.“
Aber man kann
nicht schließen:
„D4 spielt bei TRS keine Rolle.“
Warum diese Studien nie gemacht wurden
- Ökonomisch unattraktiv (Patentlaufzeiten, Konkurrenz durch Atypika)
- Industrieforschung folgt Marktlogik, nicht wissenschaftlicher Logik
- TRS‑Studien sind teuer, klein, komplex
- Negative Monotherapie‑Ergebnisse haben Kombistudien verhindert

Ein möglicher
synergistischer D4‑Mechanismus blieb ungetestet.
Bias durch aktuelle Wirkstoffentwicklungen
Der heutige Fokus auf M4 ist nicht nur wissenschaftlich motiviert, sondern auch durch:
- KarXT (Xanomeline + Trospium)
- Clozapin/Norclozapin‑Modelle
Diese Substanzen wirken
muskarinisch, nicht dopaminerg.

Dadurch entsteht leicht ein
Forschungs‑ und Marketing‑Bias:
„M4 ist wichtig, weil die aktuellen Medikamente dort wirken.“
Das bedeutet aber nicht, dass
D4 unwichtig ist – nur, dass
niemand gerade Geld investiert, um es herauszufinden.
Wissenschaftlich korrekte Einordnung
D4 ist nicht widerlegt – D4 ist unzureichend untersucht.
M4 ist plausibel – aber möglicherweise überbetont.
Clozapin als Testfall: D4‑Historie vs. M4‑Moderne
Clozapin selbst:
- hohe D4‑Affinität → historisch überschätzt
- anticholinerg → kann EPS maskieren
- sedierend → kann Symptome „herunterdimmen“
- multimodal → viele Mechanismen gleichzeitig
Norclozapin:
- M4‑Agonist
- M1‑PAM
- passt mechanistisch zu modernen Modellen
- könnte ein Teil der TRS‑Wirksamkeit erklären
Alternative Modelle:
- α2‑adrenerge Modulation
- Glutamat‑Normalisierung
- Neuroinflammation
- Netzwerk‑Stabilisierung

Clozapin ist
nicht monokausal erklärbar.
Was bedeutet das für Therapieresistenz?
Gesichert:
- D4‑Blockade allein wirkt nicht antipsychotisch
- M4‑Aktivierung kann antipsychotisch wirken
- TRS ist kein reines Dopaminproblem
Plausibel:
- M4‑Modulation (v. a. durch Norclozapin) trägt zur Clozapin‑Sonderstellung bei
- D4 könnte ein Netzwerk‑Marker sein
Offen:
- Gibt es D4‑dominante TRS‑Subtypen?
- Wie stark trägt M4 zur TRS‑Wirksamkeit bei?
- Welche Rolle spielen α2‑Mechanismen?
- Welche Effekte sind antipsychotisch, welche nur sedierend?
- Wie stark maskieren anticholinerge Effekte EPS und Symptome?
Fazit
- D4 ist historisch interessant, aber klinisch nicht als Monotherapie wirksam.
- M4 ist ein moderner, plausibler Wirkhebel – aber kein alleiniger Schlüssel.
- Clozapin wirkt wahrscheinlich über mehrere Systeme gleichzeitig (M4, M1, D4, α2, Glutamat).
- TRS ist heterogen, und kein einzelner Rezeptor erklärt alles.
- Die Datenlage ist lückenhaft, und fehlende Studien verhindern klare Antworten.
- Marketing‑Bias kann die Wahrnehmung verzerren (KarXT, Clozapin).
Wissenschaftlich korrekt ist nicht „M4 statt D4“, sondern „Wir wissen es nicht vollständig“.
Ergänzungen & Vertiefungen
Nächster Schritt
- 4.3 – M3‑Rezeptor (Speichelfluss, periphere Marker, Fehlinterpretationen)