Ich gebe A.2022 recht, das Selbstwertgefühl sollte nicht von anderen Menschen abhängig gemacht werden.
Leider ist das aber schwerer getan als gesagt.
Ich wurde z. B. Sehr streng erzogen, nach dem Motto: Wenn Erwachsene reden, haben Kinder den Mund zu halten.
Ich durfte sogar mit 17 Jahren nur einmal am WE was mit Freunden unternehmen und wehe ich war nicht pünktlich zu hause.
Es zählte auch immer nur was die Nachbarn denken könnten. Mein damaliger Freund durfte nicht bei uns übernacht bleiben, damit sein Auto nicht von jemandem gesehen wurde und dann jemand „unsittliches“ Verhalten vermuten könnte und das obwohl wir schon volljährig waren.
In der Klosterschule wurde natürlich in dieselbe Kerbe gehauen.
Wenn jemand dann auch noch schüchtern und zurückhalten ist, wie ich es war, verschlimmert sich das ganze natürlich noch.
Ich war so unscheinbar, ich bin im Unterricht nicht aufgefallen. Ich habe mich ständig fremdgeschämt. Wenn ich ausgefragt wurde, habe ich erstmal rumgestottert, wenn ich eine Frage nicht beantworten konnte, dann wars ganz aus und mein Gehirn wie leergefegt.
Ich wurde ständig feuerrot im Gesicht. Sogar wenn jemand anderes die Unwahrheit sagte, hab ich einen roten Kopf bekommen. Eine Klassenkameradin sagte mal zu mir: “ Du könntest im Fasching als Streichholz gehen, denn einen roten kopf hast du ja schon.“
Ich habe mir das so zu Herzen genommen, dass ich es bis heute nicht vergessen konnte.
Dieses fehlende Selbstwertgefühl hat sich erst gebessert, als ich nach der Geburt meines 1. kindes anfing ehrenamtlich zu arbeiten. Da gabs dann regelmässig Fortbildungen für ehrenamtliche und Bildungswochenenden und Supervisionen.
Ein einschneidendes Erlebnis hatte ich dann als ich einen Rhetorik-Kurs besuchte. Da musste man mit kurzer Vorbereitung 10 min. Zu einem Thema frei sprechen und wurde dabei mit einer Videokamera gefilmt.
Nachher wurden die Filme angeschaut und besprochen.
Ich war dann so überrascht, dass ich auf diesem Film so rüberkam als ob ich überhaupt nicht aufgeregt wäre. Ich redete frei von der Leber weg und keiner merkte mein inneres Zittern.
Alle lobten mich weil ich so professionell war.
Da merkte ich, dass meine Ängste daher kamen, dass ich immer geglaubt hatte alle merken wie wenig Selbstbewusst ich sei. Ich hatte einfach Angst davor dass meine Angst bemerkt werden könnte.
Dieses Schlüsselerlebnis mit der Filmkamera hat mir unwahrscheinlich geholfen. Ab da gings bergauf.
Es war dann sogar so, dass in Workshops o. Ä. oft ICH ausgewählt wurde, der die Gruppenarbeit vorstellen sollte. Es war natürlich immer eine Grundaufregung da, aber ich merkte dass ich daran wuchs wenn ich sowas machte.
Und die Lebenserfahrung hat mir natürlich auch geholfen.
Sicher hab ich immer noch Rückfälle z. B. Wenn ich einen Fehler mache, dann fühle ich mich kurzzeitig wieder wie das Kind das ausgeschimpft wurde. Das sind dann ein paar Sekunden bis Minuten wo ich mich sehr unwohl fühle und innerlich zusammenschrumpfe, aber es geht vorbei.
Man sollte sich den Herausforderungen stellen, denn ab jeder Einzelnen wächst man.