Danke für die ausführliche Schilderung. Vorweg: Ich kann natürlich keine rückwirkende medizinische Beurteilung deines Einzelfalls machen, aber neurobiologisch finde ich einige deiner Beobachtungen durchaus interessant und teilweise plausibel.
Was mir beim Lesen auffällt, ist, dass du eigentlich mehrere Phänomene voneinander trennst, die in der klinischen Praxis oft in einen Topf geworfen werden:
- psychotische Symptome
- Akathisie
- Derealisation/Ich-Störung
- kognitive Verlangsamung
- Grübelschleifen
- negative Symptome bzw. Willensstörungen
Viele Studien und auch Klinikberichte behandeln diese leider oft nicht sauber getrennt.
Zum Gedankenkreisen unter Risperidon/Paliperidon
Deine Beschreibung wirkt auf mich nicht wie klassische Akathisie.
Akathisie ist typischerweise:
"Ich halte die innere Spannung nicht aus und muss mich bewegen."
Dein Erleben klingt eher wie:
"Ich kann ein ungelöstes Thema nicht loslassen und kreise gedanklich darum."
Das ist etwas anderes.
Neurobiologisch würde ich eher an eine verringerte kognitive Flexibilität denken.
Der präfrontale Cortex muss normalerweise zwischen verschiedenen Hypothesen umschalten können:
Code:
Frage
↓
Hypothese A
↓
passt nicht
↓
Hypothese B
↓
passt nicht
↓
Thema verlassen
Beim Grübeln passiert eher:
Code:
Frage
↓
Hypothese A
↓
keine Antwort
↓
Frage
↓
Hypothese A
↓
keine Antwort
also eine Rekursion ohne Abschluss.
Deine These mit dem "Wegfall des intuitiven Verstehens"
Die finde ich tatsächlich interessant.
Viele Psychosemodelle nehmen an, dass Dopamin an der Gewichtung von Bedeutung beteiligt ist.
Vereinfacht:
Code:
Reiz
↓
Dopaminbewertung
↓
"Das ist wichtig"
``
Bei einer Psychose wird möglicherweise zu viel Bedeutung vergeben.
Nach D2-Blockade könnte das Gegenteil entstehen:
Code:
Früher:
"Ich weiß intuitiv was das bedeutet"
Nach Blockade:
"Eigentlich weiß ich es gar nicht"
Das wäre kein Wissensverlust im eigentlichen Sinn.
Es könnte eher ein Verlust von Gewissheit sein.
Die Frage bleibt bestehen, aber das Gefühl der Antwort verschwindet.
Ich habe von Betroffenen durchaus ähnliche Beschreibungen gelesen:
- "Die Welt verliert ihre Selbstverständlichkeit."
- "Alles wirkt unsicher."
- "Ich muss plötzlich über Dinge nachdenken, die vorher einfach klar waren."
Das ähnelt teilweise philosophischen Grundfragen:
- Wer bin ich?
- Warum tue ich etwas?
- Woher weiß ich etwas?
Diese Fragen haben keine endgültige Lösung und sind deshalb ideale Kandidaten für Grübelschleifen.
Die Ich-Störung und Citalopram
Hier wird es besonders interessant.
Du beschreibst:
Verlust von Eigenwillen, Selbstbezug und bewusster Selbstwahrnehmung.
Das erinnert mehr an:
- Depersonalisation
- Derealisation
- Residualsymptome
- negative Symptome
als an eine klassische Positivsymptomatik.
Dass ein SSRI hier geholfen hat, bedeutet nicht zwingend, dass ein Serotoninmangel die Ursache war.
Aber SSRIs können:
- emotionale Zugänglichkeit erhöhen
- depressive Komponenten verbessern
- Grübeln verändern
- die Wahrnehmung des Selbst stabilisieren
Deshalb ist deine Beobachtung durchaus nachvollziehbar.
Zu Flupentixol
Die schnelle Wirkung von Flupentixol nach Risperidon ist schwer zu interpretieren.
Theoretisch gibt es mehrere Möglichkeiten:
- Das Flupentixol war tatsächlich wirksamer.
- Die vorherige Risperidon-/Paliperidon-Exposition hatte bereits einen Teil der antipsychotischen Wirkung vorbereitet.
- Die Psychose war ohnehin an einem Wendepunkt.
- Mehrere Mechanismen haben gleichzeitig gewirkt.
Rückblickend lässt sich das kaum sauber trennen.
Zu deiner Haloperidol-Hypothese
Hier wäre ich etwas vorsichtiger.
Historisch wurde Haloperidol nicht deshalb verwendet, weil Risperidon im Akutfall grundsätzlich unwirksam wäre.
Haloperidol wirkt aber:
- oft sehr zuverlässig
- sehr stark D2-blockierend
- rasch gegen ausgeprägte psychotische Positivsymptome
Der Preis sind die bekannten extrapyramidalen Nebenwirkungen.
Dass du damals auf Haloperidol sehr empfindlich reagiert hast, passt grundsätzlich zu deiner Beschreibung.
Das Zungenheraushängen könnte theoretisch eher in Richtung einer frühen extrapyramidalen Reaktion oder Dystonie gehen als einer Allergie. Das wäre aber reine Spekulation aus der Ferne.
Zu Aripiprazol
Hier finde ich deine Beobachtung besonders interessant.
Viele Patienten beschreiben Aripiprazol anders als Risperidon oder Paliperidon.
Aus Sicht der Rezeptorpharmakologie ergibt das Sinn:
Code:
Risperidon:
D2 -> Blockade
Paliperidon:
D2 -> Blockade
Aripiprazol:
D2 -> Partialagonismus
Eine völlige Gleichsetzung der D2-Belegung mit der klinischen Wirkung ist allerdings schwierig.
5 mg Aripiprazol können bei manchen Menschen bereits deutlich wirksam sein.
Andere benötigen wesentlich höhere Dosen.
Die individuelle Variabilität ist enorm.
Zu deinem Gedanken einer "motorischen Form des Grübelns"
Das finde ich als Modell sogar recht elegant.
Wenn man es abstrakt betrachtet:
Psychisches Grübeln:
Code:
Gedanke
↓
Wiederholung
↓
Wiederholung
↓
Wiederholung
Akathisie:
Code:
Bewegungsimpuls
↓
Aufstehen
↓
Gehen
↓
Aufstehen
↓
Gehen
``
In beiden Fällen scheint das Gehirn keinen stabilen Endpunkt zu finden.
Die zugrunde liegenden Netzwerke sind zwar unterschiedlich, aber der Charakter einer selbstverstärkenden Schleife ist ähnlich.
Mein persönlicher Eindruck aus deinem Bericht ist, dass dein Modell weniger von "zu viel Dopamin" oder "zu wenig Dopamin" handelt, sondern eher von einem
Problem der Netzwerkstabilität zwischen Präfrontalkortex, Striatum, Salienzsystem und Selbstwahrnehmung.
Das Besondere an deiner Beschreibung ist, dass du die Gedankenschleifen nicht als psychotische Überzeugungen schilderst, sondern eher als einen Zustand von:
„Ich habe die frühere intuitive Gewissheit verloren, aber noch keine neue Antwort gefunden.“
Neurophilosophisch ist das fast näher an Unsicherheit, Selbstreferenz und Metakognition als an klassischem Wahn. Genau deshalb vermute ich, dass die Gedankenschleifen, die du damals erlebt hast, nicht vollständig durch das übliche Psychosemodell erklärt werden. Sie könnten teilweise mit der Anpassung der frontostriatalen Netzwerke an die starke D2-Blockade zusammengehangen haben, auch wenn das wissenschaftlich bislang deutlich weniger untersucht ist als Wahn oder Halluzinationen.