LordHabicht
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Ein berühmter Spruch lautet „Sorge dich nicht, lebe!“. Das ist eine gute Idee, aber in der Praxis gar nicht so einfach.
Ein Teil meiner chronischen Schizophrenie ist es mir oft unnötige Sorgen zu machen und mich wegen Kleinigkeiten in Ängste reinzusteigern. Wenn ich nicht acht gebe werden aus solchen Kleinigkeiten handfeste Krisen. So eine Situation habe ich diese Woche wieder einmal erlebt. Ich hatte obsessive Gedanken wegen einer geschäftlichen E-Mail und kam einfach nicht zur Ruhe, die Gedanken wurden so intensiv dass ich irgendwann mein Notfallmedikament Diazepam nehmen musste.
Warum fürchten wir uns manchmal vor Kleinigkeiten wie einem Telefonanruf oder darüber ob wir in einer E-Mail was falsch gemacht haben, davor kritisiert oder abgelehnt zu werden? Oder: „Was wenn die Überweisung der Rentenversicherung nicht kommt?“, „Was ist wenn mein Handy kaputt geht?“
Ich nenne das „Gefahren-Scans“, unser Gehirn schlägt Alarm obwohl akut keine Lebensgefahr besteht. Unser Gehirn meint es eigentlich nur gut mit uns und will uns vor einer Unheil und Schaden bewahren, genau dafür ist Angst gedacht.
Der Übeltäter ist die Amygdala, ein kleiner mandelförmiger Teil des Gehirns, ihre Aufgabe ist es blitzschnell eine Gefahr zu erkennen und Energie (in Form von Adrenalin) bereitzustellen, damit wir fliehen, kämpfen oder uns tot stellen (freeze) können.
Leider ist die Amygdala manchmal im Alltag mit einer psychischen Erkrankung überaktiv. Sie scannt unsere Umgebung und unser Innenleben ständig nach Gefahr und schlägt Alarm. Wenn es keine realen Gefahren gibt, bastelt sich unser Gehirn auch gerne „imaginäre“ Gefahren und Probleme. Dabei geht sie oft äußerst kreativ vor und unser Verstand wird zu einer „Problemfindungs-Maschine“. Wir setzen unsere Kreativität nicht für etwas sinnvolles sondern zu unserem Schaden ein.
Wie können wir langfristig besser damit umgehen? Zunächst einmal ist es hilfreich sich der Wirkmechanismen bewusst zu werden und diese Gefahrenscans zu entlarven was sie sind, Fehlzündungen der Amygdala die uns eigentlich schützen sollen. Sagen Sie sich wenn ein scan kommt „Ah, danke liebes Gehirn dass du mich jetzt schützen willst, aber ich bin nicht in Gefahr“.
Das Loslassen von Ängsten und Sorgen („was ist wenn ich nächsten Monat die Miete nicht bezahlen kann?“) kann man trainieren. Versuchen Sie diese Fehlalarme geduldig vorbeiziehen zu lassen und fallen Sie nicht darauf herein. Unsere Lebenszeit ist begrenzt und viel zu kostbar um sie mit solchen unnötigen (!) Gedanken zu verschwenden. Am Besten wenden Sie sich immer wieder geduldig der Realität zu. Was kann ich sehen und anfassen? Was ist jetzt stinknormal? Wie würde ich mich fühlen und was würde ich tun wenn ich ganz gesund wäre (die Zauberstab-Methode)? Was ist JETZT? Mit wem spreche ich gerade? Wie sehen die Menschen im Bus oder im Büro aus?
Trainieren Sie Ihr Gehirn auf Realität und mit der Zeit werden die Gefahrenscans milder, wenn wir es schaffen unserem Gehirn beizubringen dass es nicht in Gefahr ist. Das Gehirn ist zum Glück plastisch und wir können es (zu unseren Gunsten) trainieren. Diesen Gewöhnungseffekt nennt man das „Habituations-Prinzip“.
Viel Erfolg bei dem Umgang mit Gefahrenscans und der Zähmung Ihrer Amygdala!