Medikamente-Empfehlung - Nobelpreis (Streitdiskussion)
Lieber DMA,
ich verstehe sehr gut, dass du nach Jahren mit Negativsymptomatik zu dem Schluss gekommen bist, lieber ein gewisses Maß an Einschränkungen in Kauf zu nehmen, als auch nur das Risiko von Positivsymptomen einzugehen. Das ist eine nachvollziehbare Haltung, und jeder von uns hat da seine eigene Schmerzgrenze und seine eigenen Erfahrungen.
Bei mir war es allerdings genau umgekehrt: Die Negativsymptome waren so gravierend, dass sie mein Leben fast vollständig blockiert haben. Deshalb habe ich nach Wegen gesucht, wie man diese Last reduzieren kann, ohne dabei unkontrolliert in Positivsymptome zu rutschen. Und genau hier hat sich die Kombination von
Bupropion als täglichem Stabilisator und
Aripiprazol in Intervallen als tragfähige Lösung erwiesen.
Du hast recht, dass Soteria-Kliniken solche Experimente eher zulassen würden – aber sie sind selten, schwer zugänglich und haben ihre eigenen Konzepte. Mein Ziel ist nicht, ein Gegenmodell zur Psychiatrie aufzubauen, sondern eine Option sichtbar zu machen, die auch in der regulären Versorgung Platz haben könnte. Denn es geht nicht darum, Medikamente „wegzulassen“, sondern sie
klüger einzusetzen.
Ein paar Punkte, die mir wichtig sind:
- Intervalltherapie ist kein Muss. Auch bei täglicher Einnahme von Aripiprazol wirkt Bupropion unterstützend, indem es Aktivität und Kognition fördert und gleichzeitig innere Unruhe reduziert.
- Restsymptome gibt es immer. Ob mit oder ohne Intervalltherapie – die Frage ist, ob man sie besser managen kann. Bei mir war das mit Bupropion eindeutig der Fall.
- Absetzversuche ohne Stabilisator sind riskant, das sehe ich genauso. Aber mit Bupropion verschiebt sich die Balance: Die Anspannung steigt langsamer, die Rückfallgefahr sinkt, und man gewinnt Zeitpuffer.
- Pharmakologisch ist Bupropion kein „Gegenspieler“ von Aripiprazol. Es wirkt als Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer, gleicht also Mangelzustände aus, die Negativsymptome verursachen können, ohne die Positivsymptomatik direkt anzufeuern. Das ist ein anderer Mechanismus als bei Substanzen, die die Dopaminausschüttung steigern.
- Langzeiterfahrung: Ich mache diese Form der Intervalltherapie seit rund zehn Jahren. Heute ist meine Situation deutlich stabiler als damals, als ich ohne Bupropion mit sehr niedrigen Aripiprazol-Dosen experimentiert habe – das war tatsächlich ein Spiel mit dem Feuer. Mit Bupropion ist es eine kontrollierte Strategie.
Natürlich wäre der Idealfall, ganz ohne Antipsychotikum stabil zu bleiben. Ich selbst experimentiere mit Microdosierungen von Lithium, um vielleicht irgendwann ganz auf Aripiprazol verzichten zu können. Aber bis dahin ist die Intervalltherapie mit Bupropion für mich ein realistischer Mittelweg, der sowohl Eigen- als auch Fremdgefährdung reduziert – und vor allem verhindert, dass man die Medikamente komplett abbricht, wie es leider bei 80 % der Betroffenen innerhalb der ersten zwei Jahre passiert.
Allein das man weiterhin seine Termine beim Psychiater wahrnimmt ist wichtig, selbst wenn man erstmal gar keine Medikamente einnehmen will.
Darum mein Appell: Eine pauschale Ablehnung („kein Arzt wird sich darauf einlassen“) greift zu kurz. Es geht nicht um ein Randmodell, sondern um eine
evidenzbasierte Ergänzung, die in der Psychiatrie breiter geprüft werden sollte. Und es geht nicht darum, deine Entscheidung infrage zu stellen – sondern darum, dass andere, die stärker unter Negativsymptomen leiden, eine zusätzliche Option bekommen.