Der Zusammenhang von Gedankenausbreitung und Eigenbezug
Denn kein einziger Mensch, auch nicht der primitive Neger[sic], auch nicht der Idiot, ist so angenehm
einfach, dass sein Wesen sich als die Summe von nur
zweien oder dreien Hauptelementen erklären ließe; und
gar einen so sehr differenzierten Menschen wie Harry mit
der naiven Einteilung in Wolf und Mensch zu erklären, ist
ein hoffnungslos kindlicher Versuch. Harry besteht nicht
aus zwei Wesen, sondern aus hundert, aus Tausenden.
Sein Leben schwingt (wie jedes Menschen Leben) nicht
bloß zwischen zwei Polen, etwa dem Trieb und dem Geist,
oder dem Heiligen und dem Wüstling, sondern es schwingt
zwischen Tausenden, zwischen unzählbaren Polpaaren.
Dass ein so unterrichteter und kluger Mensch wie Harry
sich für einen "Steppenwolf" halten kann, dass er das
reiche und komplizierte Gebilde seines Lebens in einer so
schlichten, so brutalen, so primitiven Formel glaubt
unterbringen zu können, darf uns nicht in Verwunderung
setzen. Der Mensch ist des Denkens nicht in hohem Maße
fähig, und auch noch der geistigste und gebildetste Mensch
sieht die Welt und sich selbst beständig durch die Brille
sehr naiver, vereinfachender und umlügender Formeln an -
am meisten aber sich selbst! Denn es ist ein, wie es
scheint, eingeborenes und völlig zwanghaft wirkendes
Bedürfnis aller Menschen, dass jeder sein Ich als eine
Einheit sich vorstelle. Mag dieser Wahn noch so oft, nochso schwer erschüttert werden, er heilt stets wieder
zusammen. Der Richter, der dem Mörder gegenübersitzt
und in sein Auge sieht und einen Augenblick lang den
Mörder mit seiner eigenen (des Richters) Stimme reden
hört und alle seine Regungen, Fähigkeiten, Möglichkeiten
auch in seinem
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eigenen Innern vorfindet, er ist schon im nächsten
Augenblick wieder Eins, ist Richter, schnellt in die Schale
seines eingebildeten Ichs zurück, tut seine Pflicht und
verurteilt den Mörder zum Tode. Und wenn in besonders
begabten und zart organisierten Menschenseelen die
Ahnung ihrer Vielspältigkeit aufdämmert, wenn sie, wie
jedes Genie, den Wahn der Persönlichkeitseinheit
durchbrechen und sich als mehrteilig, als ein Bündel aus
vielen Ichs empfinden, so brauchen sie das nur zu äußern,
und alsbald sperrt die Majorität sie ein, ruft die
Wissenschaft zu Hilfe, konstatiert Schizophrenie und
beschützt die Menschheit davor, aus dem Munde dieser
Unglücklichen einen Ruf der Wahrheit vernehmen zu
müssen. Nun, wozu hier Worte verlieren, wozu Dinge
aussprechen, welche zu wissen sich für jeden Denkenden
von selbst versteht, welche zu äußern jedoch nicht Sitte
ist? - Wenn nun also ein Mensch schon dazu vorschreitet,
die eingebildete Einheit des Ichs zur Zweiheit
auszudehnen, so ist er schon beinahe ein Genie, jedenfalls
aber eine seltene und interessante Ausnahme. In
Wirklichkeit aber ist kein Ich, auch nicht das naivste, eine
Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner
Sternhimmel, ein Chaos von Formen, von Stufen und
Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten. Dass jeder
einzelne dies Chaos für eine Einheit anzusehen bestrebt ist
und von seinem Ich redet, als sei dies eine einfache, fest
geformte, klar umrissene Erscheinung: diese, jedem
Menschen (auch dem höchsten) geläufige Täuschung
scheint eine Notwendigkeit zu sein, eine Forderung des
Lebens wie Atemholen und Essen.
Die Täuschung beruht auf einer einfachen Übertragung.
🌌
Den Satz, an den ich dabei gedacht habe, hervorgehoben.
Ich meine damit das Thema nicht 100%-ig zu treffen, finde es strebt diesem jedoch deutlich entgegen. 🤔